Habt Ihr das wirklich nötig?

Neulich beim Wein mit einem Kollegen der Agenturbranche: „Sag mal, Cornelia, habt Ihr Frauen das wirklich nötig mit so einem Netzwerk?“ Er meinte es ehrlich, nicht böse, nicht provozierend. Er fördert Frauen, er hat selbst eine berufstätige Ehefrau, er mag seine Kolleginnen. Ich sage erst mal: „Ja, haben wir.“ Und denke: Wie kommt es eigentlich, dass wir das „nötig haben“? Dass Frauennetzwerke auf so viel Resonanz stoßen, in unserem Land und überall auf der Welt?

Die Analyse des Kollegen beruhte im Kern auf drei Beobachtungen: a) In hiesigen Agenturen und Kommunikationsabteilungen herrschen keine Weinstein-ähnlichen Verhältnisse, b) die Mehrzahl der Kollegen ist weiblich, c) viele davon sind sehr gut.

Aber wir Frauen brauchen Netzwerke, weil jeder, der vorankommen möchte, Netzwerke braucht und nutzt. Und wir haben einfach Nachholbedarf. Vor allem mögen wir Frauennetzwerke, weil sie Spaß machen. Weil Aufbruchstimmung herrscht, weil wir dort zur Abwechslung mal „unter uns“ sind, weibliche Vorbilder treffen und von ihnen lernen, uns gegenseitig Zuversicht geben – und weil wir dort eben nicht gefragt werden, ob wir es nötig haben.

Frauennetzwerke sind an und für sich nichts Besonderes. Männer haben solche Netzwerke schon immer – aber selbst wenn dort vermehrt Frauen auftauchen, fallen sie zumindest zahlenmäßig oft nicht ins Gewicht. Mann kann sich trotzdem coram publico auf die Schenkel klopfen, dass bei der Quote für den Aufsichtsrat einfach „0“ eingetragen wurde.

Wir mögen natürlich auch die gemischten Netzwerke und votieren bestimmt nicht für eine Netzwerkkultur, die nach Geschlechtern getrennt ist. Aber viele von uns haben die Erfahrung gemacht, dass sogenannte gemischte Netzwerke männlich geprägt sind und Frauen am liebsten eine Zaungastrolle bei den „Old Boys Networks“ einnehmen sollen – zum Beispiel als Ehefrau („Sind Sie eigentlich auch berufstätig?“).

Mein Kollege findet, wir sollten uns eben anpassen, die Klappe aufmachen, uns einbringen. Da hat er nicht mal unrecht. Ich sage ihm, dass wir das seit Jahren sehr wohl machen – sonst wären diejenigen unter uns in Führungspositionen nicht dahin gekommen. Befördert wird erwiesenermaßen häufig mehr nach dem Ähnlichkeits- als dem Kompetenzprinzip.

Frauennetzwerke, Quoten, spezifische Frauenförderprogramme, Diversity & Inclusion Manager – ich denke daran, dass wir all das vielleicht in einigen Jahren nicht mehr brauchen. Dann, wenn es in das Unterbewusstsein eingedrungen ist, dass Frauen UND Männer führen können, dass unterschiedliche Perspektiven in Teams, Vorständen und Aufsichtsräten zu Kreativität, Effektivität und Nachhaltigkeit führen und dass viele der immer wieder genannten biologischen, organisatorischen und mentalen Barrieren nur Ausdruck unserer Veränderungsresistenz sind. Und – wenn deshalb auch mehr Frauen führen WOLLEN.

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